Mittwoch, 16.Dezember. Nach zwei verlorenen Tagen der erste richtige Konferenztag für mich. Draußen kann sich das Wetter nicht zwischen Schnee und Regen entscheiden. Die Stimmung drinnen scheint sich dem Wetter anzupassen. Die Konferenz kommt nicht richtig vom Fleck. Inzwischen gib es eine Skizze zu den beiden Klimaarchitekturen – der bestehenden von Kyoto und der möglichen von Kopenhagen. Nur wie diese beiden Strukturen zusammengeführt werden und ob sie überhaupt zusammenpassen, das scheint niemand so recht zu wissen.
Im Plenarsaal treten die Staatschef auf und sprechen. Draußen wird Mittag gegessen und den Reden der Staatsoberhäupter gelauscht, die überall auf den Monitoren zu beobachten sind. Heute hat es im Plenarsaal offenbar einen Zwischenfall gegeben und einer der VIPs soll angegriffen worden sein. Gerüchte gehen um, morgen könnten alle NGOs, in denen die Organisatoren ein Sicherheitsrisiko sehen, generell ausgeschlossen werden. Das würde dann rund 18 0000 Vertreter von Nichtregierungsorganisationen betreffen, die zur Konferenz angemeldet sein sollen. Bereits heute gab es Meldungen, dass beispielsweise Vertreter des BUNDs nicht auf das Gelände gelassen wurden.
“What do we want? Climate finance! When do we want it? Now?” skandiert eine kleine Gruppe von Afrikanern im Gang. Spontane Demos wie diese gehören zur Konferenz inzwischen einfach dazu und wurden bisher geduldet. Nur beim Plenarsaal, dem Hochsicherheitsbereich, in dem die Staatsfrauen und -männer auftreten, versteht die UN keinen Spass. Der Zwischenfall heute Mittag, den man nur akustisch erahnen konnte, denn das Konferenz-Fernsehen zeigte in dieser Zeit lediglich eine Totale des großen Saales, hat diese Grenze offenbar überschritten. Letzten Meldungen zufolge sollen morgen noch 1000 NGO-Vertreter zugelassen werden. Viele werden daher wohl im Konferenzgelände übernachten und hoffen, nicht von der Security herausgetragen zu werden.

Schwedens Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt, Äthiopiens Premier Meles Zenawi und EU-Kommissionspräsident Manuel Barroso auf der Pressekonferenz am Abend.
Am Eingang zum Plenum komme ich ins Gespräch mit Didarus Salam – Kameramann von Bangladesh Television. Knapp ein Fünftel des Landes könnte in de nächsten Jahren vom Indischen Ozean geschluckt werden. Die Erwartungen seines Landes an die Konferenz sind klar: 10 Milliarden fordert der Staat, um seine Bewohner in höhere Gebiete umsiedeln zu können. Aber nicht erst 2050 sondern “immediately”. Ein Vorschlag beinhaltet zum Beispiel, dass die Industriestaaten ab 2020 jährlich 100 Milliarden US-Dollar an die Entwicklungsländer für Emissionsreduzierung und Anpassung zahlen sollen. Bangladeshi melden sich auch auf dem Sideevent der Münchener Rück zum Thema Versicherungen und Anpassung zu Wort. Für Bangladesh jedenfalls ist Kopenhagen und das, was hier verhandelt wird, sehr nah.
Was ist sonst noch passiert? Die Dänische Umweltministerin und bisherige Konferenzleiterin Connie Hedegaard ist am Mittwoch von diesem Amt zurückgetreten und hat diese Aufgabe an ihren Ministerpräsident Lars Løkke Rasmussen gegeben. Am Abend stellen die Verhandlungsführer auf einer Pressekonferenz den Stand der Verhandlungen vor. Keine leichte Aufgabe, denn etwas vorzuzeigen haben sie noch nicht. Schwedens Ministerpräsident Fredrik Reinfeldt muss als Vertreter der EU erklären, weshalb es noch kein unterschriftsreifes Entwurf für ein Abkommen gibt, obwohl am morgen die Staatsoberhäuter einfliegen. Er rettet sich in Optimismus: “Hoffentlich haben wir am Freitag das Abkommen.” Und EU-Kommissionspräsident Baroso kann auch nur auf bereits Bekanntes verweisen: “20 Prozent Reduzierung an Treibhausgasen bis 2020 in der Europäischen Union ist bereits sicher.” Obama & Co. werden viel zu tun haben in den beiden letzten Tagen.
Tilo Arnhold

Vielen Dank für die beharrliche Berichterstattung, trotz der widrigen Umstände!
Danke für die freundlichen Worte!