acatech Position „Anpassungsstrategien in der Klimapolitik“

Warum der Anpassungsdialog am Klimaschutz-Dissens gescheitert ist und scheitern musste. Oder: Welchen Stellenwert hat der Stand der Wissenschaft?

Ein Bericht von der Ergebnispräsentation am 22.10.12 in Berlin

von Clemens Heuson

Clemens Heuson

Clemens Heuson

Wenngleich seitens der Wissenschaften seit geraumer Zeit die letzten Zweifel ausgeräumt sind, dass der Anpassung (Adaptation) neben der Vermeidung von Treibhausgasen (Mitigation) eine essentielle Rolle im klimapolitischen Strategiemix zukommt, so fristet das Anpassungsthema, anders als der Klimaschutz,  im gesellschaftlichen und medialen Diskurs ein ausgeprägtes Schattendasein. Dies hat sich mit der Berichterstattung über die acatech Position „Anpassungsstrategien in der Klimapolitik“ – zumindest vorübergehend – schlagartig geändert (siehe z. B. Beitrag in der SZ). Auslöser war der Austritt von vier Klimaexperten aus der Projektgruppe, die sich weigerten, die Position weiter mitzutragen. Was sind die Hintergründe des Austritts und ist dieser gerechtfertigt? Welche Lehren können aus der acatech Position und der damit verbundenen Debatte für die Anpassungspolitik gezogen werden?

Hintergrund und Intention der Studie

Die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) versteht sich als Arbeitsakademie und hat dementsprechend den Anspruch, Politik und Gesellschaft in technikwissenschaftlichen und technologiepolitischen Zukunftsfragen auf dem besten Stand des Wissens zu beraten. Insbesondere soll dabei der Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Wirtschaft gefördert werden. Die aktuelle acatech Position wurde als Beitrag zur Fortentwicklung der Anpassungsstrategie in Deutschland anberaumt und über den Zeitraum eines Jahres von einer 35-köpfigen Expertengruppe (exklusive der vier ausgetreten Forscher) aus Wissenschaft (Natur-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sowie Medizin) und Wirtschaft erstellt. Vor dem Hintergrund stockender globaler Mitigationsanstrengungen plädiert die Studie für eine Stärkung der Adaptation im klimapolitischen Mix und hält einschlägige politische Handlungsempfehlungen vor. Zudem soll die Anpassungsthematik samt Risiken und Chancen des Klimawandels im gesellschaftlichen Bewusstsein verankert und dem breiten Diskurs zugänglich gemacht werden: „Wir wollen die Anpassung zum Thema für Cocktailparties und Biertische machen“, so Prof. Mosbrugger, Mitglied der Steuerungsgruppe des Projekts, im Rahmen der Podiumsdiskussion zur Präsentation der Studie.

Handlungsempfehlungen: Uneingeschränkt konsensfähig, aber wenig innovativ und konkret

Der Kern der Studie besteht im Wesentlichen aus 19 politischen Handlungsempfehlungen, die, auf Basis einer Abschätzung des jeweiligen Anpassungsbedarfs, für die Sektoren bzw. Handlungsfelder

  • Natürliche Ressourcen,
  • Stadtentwicklung, Infrastruktur und Küstenschutz,
  • Energie,
  • Mobilität,
  • Gesundheit sowie
  • Internationale Aspekte

abgegeben werden. So wird beispielsweise für den Energiesektor empfohlen, Gelegenheitsfenster zu nutzen, die sich bei den im Rahmen der Energiewende notwendigen Investitionen auftun; sprich, diese sollten frühzeitig auf zukünftige klimatische Rahmenbedingungen ausgerichtet werden um nachträgliche, wesentlich teurere Anpassungen zu vermeiden. Ferner gelte es, Anpassungserfordernisse in Regelwerke, wie die Netzregulierung, einzubringen. Was den Mobilitätssektor betrifft, wird u. a. für technische Anpassungen im Schienenverkehr und Anpassungen von Entwässerungs- und Kanalisationssystemen in der Straßeninfrastruktur geworben. Betont wird auch die besondere Bedeutung der (Grundlagen-) Forschung in den Bereichen ‚natürliche Ressourcen‘ (z.B. bzgl. langfristiger Wirkungen des Klimawandels auf die Artenvielfalt) oder ‚Gesundheit‘ (z.B. bzgl. des Zusammenhangs zwischen Klimaveränderung und Krankheitsverlauf).

Allen Empfehlungen sind zwei Eigenschaften gemein. Zum einen sind sie wenig bis gar nicht konkret – die einzelnen Empfehlungen werden nur mit wenigen Sätzen erläutert, mitunter bleibt es bei der stichpunktartigen Benennung. Dies wird vom Autorenkreis der Studie selbst eingeräumt und letztlich dem Umstand zugeschrieben, dass „hierfür  regionale Klimamodelle benötigt werden, die sich noch in einer Entwicklungsphase befinden, wofür eine Intensivierung der relevanten Forschungsarbeiten empfohlen wird.“ Zum anderen ist zu konstatieren, dass die Empfehlungen allesamt wenig überraschend und innovativ sind. Mit anderen Worten, sie sind der „Anpassungs-Community“ hinlänglich bekannt und dürften somit (in der Fachwelt) auf wenig Widerspruch stoßen.

Der Stein des Anstoßes: Zweifel am Stand der Wissenschaft

Übergabe der Position von acatec Präsident Prof. Hüttl an Staatssekretärin Reiche (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit)

Übergabe der Position von acatech Präsident Prof. Hüttl an Staatssekretärin Reiche (Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit)

Als Zwischenfazit kann also festgehalten werden, dass die Studie mit der anpassungspolitischen Beratung und der Schaffung eines gesellschaftlichen Bewusstseins für die Notwendigkeit der Anpassung ein berechtigtes und wichtiges Anliegen verfolgt. Zudem sind die abgegeben Empfehlungen, wenn auch relativ abstrakt, sachlich richtig und konsensfähig. Was also hat die Klimaforscher dazu bewegt, aus dem Projekt auszusteigen? Des Pudels Kern ist die Haltung der Studie (bzw. der Steuerungsgruppe) zum Stand der Wissenschaft, konkret zu den allgemein anerkannten Erkenntnissen der Klimaforschung. Vordergründig betont acatech Präsident Prof. Hüttl im Rahmen der Präsentation, dass die Akademie – entgegen vergangener Zweifel – den Stand der Klimaforschung anerkenne und zur Grundlage seiner Position gemacht habe. Allerdings zeigt sich bei näherer Betrachtung, dass dem mitnichten so ist und fundamentale Erkenntnisse der Klimaforschung explizit oder unterschwellig infrage gestellt bzw. wissenschaftlich nicht haltbare Standpunkte vertreten werden.

Am augenfälligsten ist der Zweifel am, gemäß IPCC, sehr wahrscheinlichen Kausalzusammenhang zwischen globaler Erwärmung und anthropogenen Treibhausgasemissionen. Die Akademie mutmaßt, dass letztere angesichts von Phänomenen wie Vulkanausbrüchen oder der Sonnenaktivität nur einen vergleichsweise geringen Beitrag zur Erwärmung verursachen und begründen damit eine starke Fokussierung auf Anpassungsanstrengungen. Zudem wird wiederholt und mit Nachdruck betont, dass der Klimawandel in Deutschland grundsätzlich beherrschbar sei. Diese Aussage ist allerdings ohne wissenschaftliche Grundlage, so Prof. Cramer, einer der ausgetretenen Klimaforscher.

Austritt legitim und notwendig

Ist der Austritt der Klimaforscher angesichts dieses Sachverhalts legitim? Meines Erachtens ist diese Frage aus den folgenden drei Gründen eindeutig zu bejahen, vielmehr sendet der Austritt sogar ein sehr wichtiges klimapolitisches Signal aus.

1)  Vermeidung von „Nirwana-Diskussionen“ und Orientierung für politische Entscheidungen

Sicher zeichnet sich jedweder demokratische Diskurs durch Meinungsfreiheit aus; insbesondere dürfen und sollen auch Meinungen vertreten werden, die nicht dem gängigen Mainstream entsprechen. Aber wie sinnvoll ist es, allgemein anerkannte wissenschaftliche  Erkenntnisse infrage zu stellen und somit die vorhandene, wertvolle Wissensbasis der Diskussion zu entziehen? Wenn wir uns nicht einmal auf den kleinsten gemeinsamen Nenner wissenschaftlicher Erkenntnisse einigen können, endet dann nicht jeder Diskurs, insbesondere auch der klimapolitische, im Nirwana? Der Politik bleibt dann nichts anderes, als ihre Entscheidungen allein durch die Abwägung verschiedener Partikularinteressen zu treffen; eine wissenschaftliche Fundierung ist so nicht mehr möglich. Insofern ist es durchaus verständlich, dass sich Vertreter der forschenden Zunft derartigen Debatten versperren.

2) Wissenschaftlicher Anspruch der Akademie

Was für den allgemeinen demokratischen Diskurs gilt, gilt erst recht für die acatech Position: acatech als Akademie beansprucht das Prädikat der Wissenschaftlichkeit und muss daher auch den Stand der Wissenschaft anerkennen. Dieser Grundsatz wurde jedoch eindeutig verletzt – nicht nur, weil mit Prof. Vahrenholt ein Mitglied der Steuerungsgruppe den anthropogenen Treibhauseffekt  in seinem Buch „Die kalte Sonne“ ohne jegliche wissenschaftliche Fundierung anzweifelt, sondern auch weil dieser Zweifel – trotz nachträglicher Relativierung des acatech Präsidenten – Eingang in die finale Fassung der Studie gefunden hat. Die Verweigerung der Klimaforscher, diese Studie mitzutragen, ist nur die logische Konsequenz.

3) Gefährliche Signalwirkung der acatech Postition

Das Herunterspielen des menschlichen Beitrags zur globalen Erwärmung und die Vermittlung der Beherrschbarkeit der einschlägigen Folgen und Risiken für Deutschland (auch im Falle des Scheiterns der internationalen Klimaschutzverhandlungen) senden die Botschaft aus, dass die absolute Priorität der Klimapolitik auf der Anpassung liegen sollte, wogegen die Vermeidung nur eine untergeordnete Rolle spielt – im Rahmen der Ergebnispräsentation wurde dies explizit, allen voran durch Dr. von Dohnany, Mitglied der Projektgruppe, explizit bekräftigt. Doch diese Botschaft ist fatal, da sie den elementaren Zusammenhang zwischen Mitigation und Adaptation verkennt. Bei ausbleibendem Erfolg internationaler Vermeidungsanstrengungen wäre die Menschheit mit Temperaturanstiegen bis zu 4°C einem noch nie dagewesenen Wandel ausgesetzt. Von einer Beherrschbarkeit der Folgen kann hier nicht mehr die Rede sein, vielmehr stößt die Anpassung an ihre Grenzen (siehe z. B. die Studie der Royal Society). Vor diesem Hintergrund war der Austritt der Klimaforscher absolut notwendig, um eine klare Gegenposition zu beziehen und zu verdeutlichen, dass eine mittel- und langfristig effektive Anpassungspolitik notwendigerweise ambitionierte Vermeidungsanstrengungen voraussetzt.

Was bleibt?

Als unstrittig positiv zu bewerten ist das Anliegen der Studie, die Enttabuisierung der Anpassung (als „unlautere, moralisch minderwertige Option im Vergleich zur Mitigation“) weiter voranzutreiben und die Anpassung dem breiten gesellschaftlichen Diskurs zuzuführen. Die Studie erweist sich für diesen Zweck durchaus als probates Mittel, da sie ein übersichtliches, verständliches Bild der sektorspezifischen Anpassungserfordernisse in Deutschland zeichnet. Die einschlägigen Handlungsempfehlungen sind bislang freilich, der Natur der Studie geschuldet, wenig konkret und bieten somit Raum für Folgeprojekte.

Entschieden abzulehnen sind allerdings die Mittel, die gewählt wurden, um das Anpassungsthema zu pushen. Die essentielle Bedeutung der Anpassung für einen ausgewogenen, effektiven klimapolitischen Mix ist hinreichend belegt. Dazu bedarf es weder einer Anzweiflung der allgemein anerkannten Erkenntnisse der Klimaforschung und der damit verbundenen Abwertung der Mitigation, noch eines übertriebenen Pessimismus hinsichtlich der Erfolgsaussichten globaler Vermeidungsanstrengungen.

Für die Zukunft bleibt zu hoffen, dass die Akademie ihr ursprüngliches Anliegen weiter verfolgt und dazu beiträgt, die Anpassung im gesellschaftlichen Bewusstsein zu verankern – allerdings mit einem klaren Bekenntnis zu einer ambitionierten Mitigationspolitik und deren Notwendigkeit für eine effektive Anpassung.

3 Kommentare zu „acatech Position „Anpassungsstrategien in der Klimapolitik““

  1. Antonia Rötger sagt:

    Danke für die klare und deutliche Stellungnahme zu dieser Acatech-Studie.

  2. Manfred Ronzheimer sagt:

    Mir fällt beim ersten Querlesen zunächst auf, dass durchgehend der Name der Einrichtung, um die es geht, falsch geschrieben ist. Acatec heißt in Wirklichkeit Acatech (wie auch auf dem Foto zu sehen). Sorgfältigkeit fängt eigentlich bei sowas an.

  3. C. Heuson sagt:

    Sehr geehrter Herr Ronzheimer,

    besten Dank für Ihren Hinweis auf den (jetzt korrigierten) Schreibfehler, der natürlich nicht passieren sollte. Dennoch kann ich Ihnen versichern, dass der Beitrag sorgfältig recherchiert wurde. Über weitere inhaltliche Kommentare würde ich mich sehr freuen.

    Beste Grüße
    C. Heuson

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